Die Richter des Königs

Leseprobe


 

 

Zweites Kapitel

 

Es dämmerte bereits, als Sir Orlando Trelawney sich durch die unbeleuchteten Gassen von St. Clement Danes auf den Heimweg machte. Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt und sprühte ihm ins Gesicht, so dass er seinen Hut tiefer in die Stirn zog und sich enger in seinen Umhang schmiegte. Eine Weile stapfte er tief in Gedanken versunken dahin, bis er bemerkte, dass er in die falsche Richtung ging. Verwirrt blieb er vor einem Misthaufen stehen, auf dem eine tote Ratte lag, und versuchte, sich darüber klar zu werden, wo er sich befand. Es gelang ihm nicht. In seinem Innern herrschte eine quälende Leere, die seinen ganzen Körper lähmte und jede Bewegung zu einer Kraftanstrengung werden ließ.

Der Tod! Überall zeigte er sein höhnisches Gesicht, seine grinsende Fratze. Sicher, die Nähe des Todes war nichts Ungewöhnliches für ihn. In der Zeit, in der er lebte, begegnete man ihm ständig. Kriege, Seuchen, Hinrichtungen ¾ er hatte alles miterlebt. Es gab keine Gewähr, ein hohes Alter zu erreichen, und unter den Schwächsten, den Kindern, hielt der Tod die reichste Ernte. Ja, eigentlich war er daran gewöhnt, Menschen sterben zu sehen, und als Richter hatte er zudem so manches Todesurteil gefällt. Und doch war jetzt alles anders als früher. Erst der Verlust seiner Frau, der leidgeprüften ergebenen Gefährtin, dann seines langjährigen Freundes Peckham, den er seit seiner Studienzeit im Temple gekannt hatte. Es schien ein so sinnloser, grausamer Tod, offenbar verursacht durch das Versehen eines Arztes oder des Apothekers, der die Medizin hergestellt hatte. Aber das blieb noch zu überprüfen.

Er hatte alles verloren, was ihm lieb und teuer war. Nun gab es nichts mehr, was man ihm noch nehmen konnte. Hatte er denn so schwer gesündigt, dass Gott ihn auf diese Weise strafte? Sollte er die Verzweiflung der Einsamkeit kennen lernen? Manchmal beneidete er die abergläubischen Katholiken, die die ständige Gegenwart ihrer Heiligen um sich spürten und unter dem Mantel der Gottesmutter Schutz fanden. Ihm als Protestanten blieb ein solcher Trost versagt. So unvernünftig ihm der römische Glaube auch erschien, in diesem Moment verstand er, weshalb die kleine Gruppe Katholiken, die es in England noch gab, so hartnäckig daran festhielt.

Noch immer starrte Sir Orlando wie verhext auf den Rattenkadaver vor ihm, dem Sinnbild des Todes. Die Leere in seinem Innern wandelte sich langsam zu einem tiefen dumpfen Schmerz, der ihm die Brust zusammendrückte. Der Gedanke an sein Haus in der Chancery Lane hatte nichts Verlockendes für ihn. Es erschien ihm leer und kalt, trotz seiner reichen Ausstattung. Dort erwartete ihn nur das schrille Gekeife seiner Nichte, die mit ihrem Schicksal haderte und ihn dafür verantwortlich machte, dass er sie nicht gut verheiratete.

Wie ein Schlafwandler setzte Trelawney sich wieder in Bewegung und hielt erst an, als das laute Stimmengewirr zechender Nachtschwärmer die Nähe einer Schenke verriet. Der Richter trat ohne Zögern ein und suchte sich durch die dichten Schwaden blauen Tabakrauchs einen abgelegenen Tisch, um den Schmerz in seiner Brust mit Wein zu betäuben.


 
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Als er erwachte, wusste er nicht, wo er war. Jemand zerrte grob an seinen Kleidern. In dem Glauben, man versuche ihn zu berauben, begann er instinktiv sich zu wehren, und schlug orientierungslos um sich. Eine Stimme rief etwas, das er nicht verstand. Er hörte Schritte, die durch den Morast klatschten. Als seine von Trunkenheit verschleierten Augen endlich wieder klar sehen konnten, bemerkte er einen jungen Mann mit zerzausten langen Haaren, der sich über ihn beugte. Er sprach mit einem starken irischen Akzent, dessen fremdartiger Klang ein unbestimmtes Gefühl von Furcht in Trelawney weckte.

"Seid Ihr verletzt, Sir? Braucht Ihr Hilfe?"

Der junge Ire packte ihn am Arm, um ihn auf die Beine zu ziehen. In seinem hilflosen Zustand erlebte Sir Orlando die energische Berührung wie einen Angriff und erwartete jeden Moment einen Schlag mit der Faust oder einen Stich mit dem Messer. Wutentbrannt stieß er seinen Gegner zurück, raffte sich mühsam vom Boden auf und tastete unkontrolliert nach seinem Degen. Bevor er die Klinge aus der Scheide ziehen konnte, hatte sich der Ire jedoch mit einem leichtfüßigen Sprung außer Reichweite gebracht.

Die Stimme des Burschen nahm einen verbitterten, hasserfüllten Ton an, während er wütend die Faust gegen den Richter schüttelte: "Dann verreck' doch im Straßenkot, verfluchter Engländer! Was kümmert's mich!" Im nächsten Moment war er lautlos in der Nacht verschwunden.

Trelawney hielt sich nur mit äußerster Anstrengung auf den Beinen. Er war kein gewohnheitsmäßiger Trinker und daher nur wenige Male in seinem Leben bis zur Besinnungslosigkeit berauscht gewesen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er begriff, dass er in einem Hauseingang gelegen hatte. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, die Schenke verlassen zu haben oder auf dem Heimweg eingeschlafen zu sein. Prüfend fuhr er sich mit der Hand über die Taille und stellte zu seiner Überraschung fest, dass sein Geldbeutel noch da war. Zum Glück war er erwacht, bevor dieser irische Spitzbube ihn ausrauben konnte.

Ein leichter Wind kam auf und ließ ihn frösteln. Trelawney rückte seinen Umhang auf seinen Schultern zurecht, der sich verschoben hatte, und zog den Wollstoff fester um sich. Nachdem er sich in der Dunkelheit orientiert hatte, stapfte er durch den Straßenschlamm in Richtung der Chancery Lane. An seinem Haus angekommen, taumelte er über die Schwelle und stieg schwankend die Stufen zu seinem Schlafgemach hinauf. Seine Nichte und die Dienerschaft schliefen friedlich. Niemanden kümmerte es, ob er da war oder nicht. Abgrundtiefe Müdigkeit überkam den Richter, als er sich auf die Kante des Baldachinbettes sinken ließ und sich umständlich die Schuhe auszog.

Da öffnete sich leise die Tür und sein Kammerdiener Malory huschte verschlafen herein, um ihm beim Auskleiden zu helfen. Der mitleidige Blick, den Malory seinem Herrn zuwarf, führte Trelawney seine ganze Erbärmlichkeit so schmerzhaft vor Augen, dass er gereizt einen seiner schlammbeschmutzten Schuhe ergriff und nach dem Kammerdiener warf.

"Verschwinde! Lass mich allein!", brüllte er. "Lass mich allein!"

Malory gehorchte schweigend, jedoch nicht, ohne den Richter mit einem weiteren mitfühlenden Blick zu bedenken. Trelawney barg schluchzend das Gesicht in den Händen. Dann ließ er sich, bekleidet wie er war, aufs Bett sinken und fiel in unruhigen Schlaf.


 
 
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Ein unangenehmes Jucken am ganzen Körper weckte ihn. Ohne sich dessen bewusst zu sein, kratzte er sich die Haut blutig.

Es war bereits heller Tag. Als Trelawney verwirrt um sich blickte, bemerkte er, dass seine Kleider über Nacht ein Eigenleben entwickelt hatten. Etwas bewegte sich in den Falten des Stoffs, kroch unter sein Wams, dann zwischen sein Leinenhemd und seine Haut, verbiss sich in seinem Fleisch und saugte gierig sein Blut. Mit einem jähen Gefühl des Ekels sprang der Richter vom Bett, zerrte sich Perücke und Kleider vom Leib und schleuderte sie auf den Boden. Jedes einzelne Stück wimmelte vor Läusen.

Trelawney konnte einen saftigen Fluch nicht unterdrücken. Er hasste die kleinen Quälgeister und achtete stets auf Reinlichkeit, um sie sich vom Hals zu halten. Folglich konnte er sich das Ungeziefer nur bei seinem gestrigen Besuch in der Schenke geholt haben. Das war nun die Strafe für seine gottlose Trunkenheit, in der er vergeblich Vergessen gesucht hatte.

Trelawney wollte gerade nach seinem Kammerdiener rufen, als sein Blick an den übereinandergeworfenen Kleidern hängen blieb. Vorsichtig zog er Hemd und Wams, die zuoberst lagen, beiseite und betrachtete verwirrt den Umhang. Erst jetzt fiel ihm auf, dass es nicht der seine war, sondern ein fremder. Und da begriff er auch, wie er sich die Läuse geholt hatte. Er musste beim Verlassen der Schenke aus Versehen den Mantel eines anderen Gastes statt seines eigenen mitgenommen haben. Die Dunkelheit und sein benebelter Geist hatten ihn daran gehindert, den Irrtum zu bemerken. Er hatte sich die Unannehmlichkeiten also selbst zuzuschreiben.

Ärgerlich rief er nach Malory und versuchte, das quälende Jucken zu ignorieren, das die Bisse der lästigen Plaggeister überall an seinem Körper auslösten. Doch es war sinnlos. Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er sich gegen seinen Willen kratzte, bis seine Haut mit Schrammen bedeckt war.

 

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